Wie Kosovaren in der Schweiz illegal überleben

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MigrationWie Kosovaren in der Schweiz illegal überleben

Sie verlassen ihr Heimatland und kommen in die Schweiz, arbeiten schwarz oder verkaufen Diebesgut. Drei illegale Migranten aus dem Kosovo berichten.

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Faton S. (29) ist nur einer von vielen, die aus dem Kosovo geflüchtet sind.

Faton S. (29) ist nur einer von vielen, die aus dem Kosovo geflüchtet sind.

Tausende Menschen fliehen zurzeit aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Kosovo – auch in die Schweiz. Die Auswanderer erhoffen sich im Ausland eine bessere Zukunft. Schätzungen zufolge sollen seit Anfang des Jahres über 30'000 Kosovaren das Land verlassen haben. Auch in der Schweiz versuchen die Menschen ihr Glück. Einige melden sich in Asylheimen an. Viele tauchen in der Schweiz aber unter – vor allem bei Verwandten. Denn im Gegensatz zu den EU-Ländern haben Kosovaren in der Schweiz keine Chance auf Asyl, da das Land als sicherer Staat gilt. Eine wirtschaftliche Begründung reicht laut dem Bundesamt für Migration für ein Asyl nicht aus.

Wer gegen das Ausländergesetz verstösst – sich also illegal in der Schweiz aufhält oder einer unbewilligten Erwerbstätigkeit nachgeht –, dem droht eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe in der Höhe von mehreren Tausend Franken. Anschliessend folgt die Rückführung ins Heimatland.

20 Minuten konnte mit drei Kosovaren, die sich illegal in der Schweiz aufhalten oder aufgehalten haben, sprechen.

Flamur K.*, 22: «Ich habe ständig Angst vor Kontrollen»

Flamur K. ist in den letzten drei Jahren mehrmals illegal in die Schweiz eingereist. Der 22-Jährige lebt bei Verwandten in Payerne und arbeitet schwarz auf einer Baustelle: «So kann ich meine Familie, die in armen Verhältnissen im Kosovo lebt, unterstützen.» Dafür hat K. sein Jura-Studium abgebrochen.

Die Schwarzarbeit sei ein zweischneidiges Schwert: «Einerseits muss ich keine Sozialabgaben bezahlen. Andererseits kann ich mich nicht wehren, falls mir der Lohn nicht ausgezahlt werden sollte.» Das sei einem Freund zugestossen. Dieser habe einige Monate in einer Armierungsfirma gearbeitet. Sein Chef, ebenfalls Kosovare, habe ihm drei Monate lang keinen Lohn bezahlt. «Seine Verwandten haben dem Chef daraufhin einen eher unerfreulichen Besuch abgestattet», so K.

Das Leben in der Illegalität mache auch einsam: «Ohne Aufenthaltsbewilligung bin ich hier nicht frei. Viele wollen auch nicht mit mir raus, weil sie Angst haben, dass man uns erwischt», so K. Auch er ist vorsichtig, denn sollte er erwischt werden, droht ihm Gefängnis oder eine Busse und die Rückführung in den Kosovo: «Ich habe ständig Angst vor Kontrollen.» Deshalb verbringt der junge Mann seine Freizeit oft zu Hause in der Wohnung und spielt Playstation.

Laut K. geht es nicht nur ihm so: Freunde in deutschen Asylheimen wüssten auch nicht was sie mit sich anstellen sollen. «Unter diesen Umständen fällt es schwer, sein Leben hier zu geniessen.»

Faton S.*, 29: «Meine Familie drängt mich, eine hässliche Schweizerin zu heiraten»

Faton S. ist im Sommer illegal in die Schweiz eingewandert. Der 29-Jährige lebt in Genf. Einen Beruf erlernt hat er keinen. «Im Kosovo sah ich keine Perspektiven, deshalb habe ich das Land verlassen.» Doch weder seine Familie im Kosovo noch seine Verwandten in der Schweiz hätten diesen Entscheid gutgeheissen. Letztere hätten ihm zwar Unterschlupf gewährt, aber: «Obwohl sie Teil meiner Familie sind, behandeln sie mich so, als wäre ich nichts wert», so S.

Der Kosovare gibt an, keiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Über Wasser halte er sich mit Betteln: «Meine Verwandten haben mir nahegelegt, bei anderen Mitleid zu erwecken, damit sie mir Geld geben und mit etwas Glück sogar einen Job.» Der andere Rat laute, sich eine Frau zu suchen: «Sie sagen mir, ich soll eine dumme oder gar hässliche Schweizerin heiraten, um so an die Papiere zu kommen.» Doch er wolle das nicht.

Wenn ihn die Langeweile plage oder er nicht mehr wisse, was er mit seiner Zeit machen solle, reise er eine Weile herum. Kürzlich sei er in Chambéry, Frankreich, gewesen. «Als ich kein Geld mehr hatte, bat ich einen alten Freund, mir Geld zu leihen, um zurückzureisen», so S.

Trotz Arbeitslosigkeit und leeren Taschen: S. hofft, dass sich seine Situation verbessert: «Vielleicht finde ich ja doch noch einen Job oder eine Frau und werde eines Tages als reicher Mann in den Kosovo zurückkehren können.»

Sokol R.*, 25: «Klauen und Diebesgut verkaufen»

Sokol R. kam im November 2014 in die Schweiz. Der 25-Jährige lebte in Bern, Zürich, Lausanne, Genf, Freiburg und Moudon VD. Im Februar ist er wieder in den Kosovo zurückgekehrt. In die Schweiz gekommen sei er, weil seine besten Freunde ausgereist waren. «Auch ich wollte mein Glück hier versuchen. Doch ich habe rasch gemerkt, dass die Schweiz kein guter Ort für mich ist.» Er habe weder gearbeitet noch je daran gedacht, zu arbeiten.

Dafür machte er folgende Beobachtungen, wobei S. beteuert, selber nicht beteiligt gewesen zu sein: «Es war überall das Gleiche. Die Illegalen stehlen und dealen.» Geklaute Markenartikel würden günstiger an die eigenen Landsleute verkauft. «Die Marke Levi Strauss ist sehr beliebt», sagt S. Die Diebe seien in Dreierteams unterwegs: «Einer beobachtet, der andere hält den Rucksack, der Dritte legt das Diebesgut hinein.» Die Sicherheitsetiketten seien kein Problem: «Die Innenseite des Rucksacks wird vorher mit einer dicken Schicht Alufolie ausgekleidet.» Oder die Kleider kommen mit in die Kabine und die Sicherheitsmelder werden mit Alufolie umwickelt. Die Etiketten würden mit speziellen Geräten vor Ort entfernt.

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